"Er ringt sich ein paar Zeilen ab
Hat es langsam wirklich satt
Immer er und Blatt für Blatt
Seine Psyche, ziemlich blaß"
Das Lesen wird von den meisten Menschen unterschätzt.
Oft allgemein, durch Missachtung desselben und einer scheinbaren Blindheit
für die Welten, die diese Fähigkeit dem Leser erschließt.
Somit nur gebraucht um sich tagespolitisch auf den neuesten Stand zu bringen,
und um zu schauen, wann der nächste Bus fährt.
Oft jedoch auch , und dadurch weniger eindeutig, durch das alleinige Schätzen
des Informationsgehaltes auch umfangreicherer Texte. Damit ist nicht nur die
Lektüre technischer, wissenschaftlicher oder sonstiger in ihrer Art alleinig
auf den Inhalt abzielender Schriften gemeint, sondern auch, und insbesondere
die verbreitete Auffassung vom belesenen Menschen, als einem, der viele Bücher,
und möglichst nicht gerade Schundromane gelesen hat. Nun zweifellos zielt
diese Intention nicht mehr auf reinen Informationsgehalt als solchen ab, jedoch
im weiteren Sinne sehr wohl, da es zwar nicht mehr um das Aneignen der nackten
Fakten, sondern vielmehr auch um den Text als solchen geht, es bleibt jedoch
meist auf der Ebene, auf der man mit dem gelesenen Buch eine rein quantitative
Zunahme des Potentials erreicht, eben noch mal belesener zu sein, um ein Buch.
Und doch schwingt hier bereits in vielen Fällen etwas anderes mit, es
hat mit dem Prozeß des Lesens zu tun, im Gegensatz zu den Busfahrplänen,
bei denen es wohl ausschließlich ums gelesen haben geht, und nicht um
das Erleben. Nun gibt es bestimmt verschiedene Klassifizierungen dieses Erlebens,
und auch wenn es vermessen wäre, eine solche allgemeingültig vorzunehmen,
so wird zwar keiner den lieben Hera- Büchern absprechen, beim Leser ein
Erleben der Handlung, und ein Empfinden dessen was heute von den meisten unter
Romantik verstanden wird, hervorzurufen, doch bedeutet dies nicht, dass dieses
Erleben dem eines großen Romans gleichzusetzen sei. Wir erleben die
verschiedensten Welten, werden stark oder weniger stark vereinnamt, sitzen
mit pochendem Herzen daheim, und zittern mit Harry Potter, lassen die Komplexität
und Unterschwelligkeit eines Werkes wie die Buddenbroks auf uns wirken, und
erfahren eine Ahnung der Stimmung des einen Ganzen in Hesses Büchern.
Wir erleben, und fühlen uns unterhalten, durch das Zusammenspiel eines
Inhaltes der mit uns zu tun hat, in welcher Weise auch immer, und einer Form
die uns fesselt; wir nehmen etwas mit ins Leben durch Passagen, die uns besonders
ansprechen und aus denen wir dadurch eine Wahrheit ziehen, einen Satz der
uns zum Leitsatz wird, und dann das verbrauchte "man sieht nur mit dem
Herzen gut..." beim nächsten Poesie-album-Eintrag ablösen kann,
oder, viel besser noch, der dazu taugt, als Prinzip verinnerlicht zu werden,
und wieder und wieder nachgelesen zu werden , bei Nichtbeachten im Handeln.
Auch wenn in all diesen Möglichkeiten, die das Lesen bietet das Eine
manches mal schon vorhanden ist, so will ich es doch gesondert anführen,
da es sich doch speziell von all dem andern abhebt. Man könnte es die
therapeutische Wirkung nennen, oder ein Gefühl, dass direkt wirkt, ganz
ohne den Umweg der Information, man könnte es kafkaesk nennen, oder mit
mythischen Erklärungen aufwarten, im Endeffekt ist es gleich, wie die
Bezeichnung ausfällt. Die Leser, und damit mein ich nicht die Zeitungsleser
sind es, die dies erfahren, an diesen Tagen, an denen man ganz alleine meint
von der Erde zu stürzen und es doch nicht tut, als würde man von
der selben noch verhöhnt, oder an diesen Tagen, an denen man meint der
Held zu sein, dem die ganze Welt gehört, inklusive Kaffe, Kakao und Benzin,
und dass es selbstverständlich sei. Dann ist es meist ein kleines Gedicht,
welches hervorgezogen, wenn man weinend auf dem Bett liegt, plötzlich
erhebend aus der geistigen Sackgasse führt, ein kleiner Vers, der wie
zufällig in den eignen Händen landet kaum hat man die Haustür
hinter sich geschlossen, und einem gnadenlos die Fassade stielt, so inklusive
Kaffe, Kakao und Benzin.
Das sind die Leser, die dies erfahren. Und mancher von ihnen meinte, dieses
nicht zu fassende, ganz persönliche Erleben, nutzen zu können, ein
nicht mehr ganz persönliches daraus machen zu können, eines das
nicht nur er versteht, sondern auch die Angebetete. So sitzt er daheim, in
der Nacht, um zwei, um drei, und schreibt die Verse, die die Nacht ihm eingibt,
spürt die Stärke, und die Wirkung seiner Worte, schreibt sie in
den Brief an sie, ist sich im einen Moment sicher, dass es sinnlos ist, dann
jedoch wieder sicher, dass es funktionieren wird, er spürt sie doch,
die Wirkung, die Stärke, die Kraft.... und überschätzt das
Lesen.